Kreiselinterview 27. April 2014

„Der Relegationsplatz bleibt das Minimalziel“

Dynamo-Kreisel / 27. April 2014

Interview: Henry Buschmann
Fotos: Steffen Kuttner

  Robert, wir erklärst du dir die zwei Gesichter der Mannschaft im Abstiegskampf?

Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, dass die Mannschaft nur ein Gesicht hat, welches aus verschiedenen Facetten besteht. Wenn wir nur die beiden letzten Spiele betrachten, dann hätten sie tatsächlich nicht gegensätzlicher verlaufen können. Aber am Ende ist die Erklärung im Fußball fast immer ganz einfach. Gegen 1860 München haben wir im Heimspiel all unsere Chancen eiskalt ausgenutzt und dadurch letztendlich hochverdient gewonnen. Gegen Aue ist uns trotz guter Tormöglichkeiten – wie so oft in dieser Saison – einfach kein Treffer gelungen.

  Hat am Ende aufgrund der kurzen Regenerationszeit zwischen beiden Spielen vielleicht doch etwas die Kraft gefehlt?

Nein, das glaube ich nicht. Diese Ausrede lass ich für mich persönlich nicht gelten. Der Spielverlauf, die frühen Gegentore und unsere mangelhafte Chancenverwertung standen einem Erfolg im Wege, sonst nichts.

 Zumal ihr euch in Aue einige Tormöglichkeiten erarbeitet habt…

Ich hatte in der ersten Halbzeit eine Kopfballchance, Tobias Kempe viel Pech bei seinem Freistoß und Mickael Poté hat den Ball vor dem Tor gut quer gelegt. Wenn uns da ein Treffer gelungen wäre, hätte die Partie noch einmal kippen können. Aber das war wieder einmal so ein Spiel, wo wir noch ewig hätten spielen können, ohne das uns ein Treffer gelungen wäre. Stattdessen haben wir uns zwei Ostereier ins eigene Tor gelegt, da kannst du solche Spiele einfach nicht gewinnen…

  Und das ausgerechnet im Sachsenduell gegen die ungeliebten Auer Veilchen. 

Grundsätzlich verliert niemand gern ein Spiel, egal gegen welchen Verein. Aber natürlich verlierst du als Spieler von Dynamo Dresden niemals gern im Schacht ein Sachsenderby. Denn diese Spiele sind für jeden Dynamo-Fan einfach etwas ganz Besonderes. Es ist frustrierend, wenn du jedes Jahr dahin fährst, dir viel vornimmst und am Ende mit leeren Händen dastehst. Ich kann mir schönere Dinge vorstellen, als mich nach jedem Sachsenduell hämisch von dem Auer Fußball-Volk beschimpfen zu lassen.

  Die Tabelle hat sich für die vier Vereine im Abstiegskampf auch nach dem 31. Spieltag nicht groß verändert, nur die Spiele werden weniger. Woran orientiert ihr euch jetzt in der Tabelle? Schaut ihr eher nach oben zum FSV Frankfurt oder müsst ihr jetzt den Fokus auf die Absicherung des Relegationsplatzes nach unten legen?

Die anderen Mannschaften haben eigentlich alle für uns gespielt, da trauert man der vergebenen Chance natürlich erst einmal drei Tage hinterher. Wir hätten mit einem Erfolg gegen Aue zum FSV Frankfurt aufschließen können. Aber das haben wir leider nicht geschafft. Es wird uns nichts bringen, wenn wir jetzt hin und her rechnen und überlegen, was könnte passieren, wenn…? Wir müssen jetzt aus den letzten drei Spielen das maximale rausholen und dann werden wir sehen, wofür es am Ende reicht. Der Relegationsplatz bleibt das Minimalziel.

Für dich persönlich verlief die Saison mit großen Gegensätzen. In den ersten Spielen gehörtest du gar nicht mehr zum Kader und jetzt im Saisonfinale gehörst du zu den Spielern, die im Abstiegskampf die Flagge in den Wind halten und mit Leidenschaft vorangehen sollen… 

In der Sommervorbereitung hat es sich unter Peter Pacult abgezeichnet, dass ich unter ihm nicht mehr sehr viel spielen werde. Es war für mich also keine Überraschung, dass ich von ihm zum Saisonstart nicht mehr berücksichtigt und beachtet wurde. Egal was ich gemacht und versucht habe, es war zu dieser Zeit falsch. Da waren die Zeichen bei mir schon auf Abschied gestellt, da ich überhaupt keine Rolle mehr gespielt habe. Wenn der Trainerwechsel nicht gekommen wäre, dann würde ich vermutlich heute nicht mehr die Schwarz-Gelben Farben tragen. Es ist bekanntlich anders gekommen und darüber bin ich froh. Ich habe durch den Trainerwechsel für mich persönlich eine neue Chance gesehen und das hat sich letztlich auch so bewahrheitet.

Ist für dich mit dem Doppelpack im vergangenen Heimspiel gegen 1860 München der Knoten endgültig geplatzt? 

Nein, so sehe ich das nicht. Natürlich ist es schön, wenn man mit Toren zum Erfolg der Mannschaft beitragen kann. Aber letztendlich zählt nur eines und das ist der Erfolg der gesamten Mannschaft, wo jeder seinen Teil dazu beitragen muss. Wenn wir am Ende erfolgreich sind, dann ist es mir nicht ganz so wichtig, ob ich auf dem Platz stehe oder nicht.

  Zusammen mit Benny Kirsten gehörst du bei Dynamo zu den dienstältesten Spielern. Wie sehr bist du persönlich aber auch als Sportler in den vergangenen fünf Jahren gereift? 

Mit 28 Jahren zähle ich mich jetzt schon zu den älteren Spielern und versuche voranzugehen und auf und neben dem Platz Verantwortung zu übernehmen. Bei uns als Mannschaft bestimmt im Moment ganz klar der Abstiegskampf das Geschehen…

   Wie macht sich das innerhalb der Mannschaft bemerkbar?

Wir sprechen im Hinblick auf das näher rückende Saisonende noch einmal sehr viel innerhalb der Mannschaft und versuchen uns gegenseitig noch einmal einzuschwören, auf das was unmittelbar vor uns liegt. Da gehen uns Spielern natürlich verschiedene Szenarien durch den Kopf. Trotzdem versuchen wir positiv vorauszuschauen und uns zu sagen, dass wir unser gemeinsames Ziel noch aus eigener Kraft erreichen können. Nur das zählt. Und dafür sind jetzt die entsprechenden Tugenden gefragte, die Ralf Minge in den letzten Wochen immer wieder betont hat. Das versuche ich auf dem Platz vorzuleben.

  Das heißt mit Kampf und Leidenschaft voranzugehen? 

Wir müssen einfach wach sein und dürfen aufgrund der Ergebnisse nicht unsere Köpfe in den Sand stecken. Wir dürfen nicht verzweifeln, sondern müssen trotz der vielen Rückschläge und zum Teil verrückten Spielverläufe, unsere Situation immer noch als Chance begreifen.

  Wie sehr zerren eigentlich zwei Jahre Abstiegskampf am Nervenkostüm eines Fußballprofis? 

Die vergangenen zwei Jahre, permanenter Existenzkampf in der 2. Bundesliga, sind an keinem Spieler spurlos vorbeigegangen. Natürlich zerrt das an den Nerven. Und natürlich ist das krass für den Kopf. Wir hatten in den vergangenen 24 Monaten keine Zeit, um einmal durchzuatmen, sondern mussten ständig an den Ketten zerren, um den Anschluss zu halten oder einen Rückstand in der Tabelle aufzuholen. Die letzte Saison war schon hart, aber in dieser Saison ist alles noch ein bisschen dramatischer. Ich habe mich noch nie so sehr auf ein Saisonende gefreut wie in diesem Jahr. Das will bei einem Fußballprofi schon was heißen, der sich eigentlich immer auf das freut, was er liebt. Nämlich Fußball zu spielen.

  Fans, Verein und Mannschaft wirken verunsichert, ob der prekären sportlichen Situation. Wie behält man da als Fußballprofi die Nerven in den entscheidenden Situationen auf dem Platz? 

Im Spiel denke ich nicht darüber nach, ob die nächste Situation über Klassenerhalt oder Abstieg entscheidet. Da bin ich Fußballer, voll fokussiert und hoffe, instinktiv die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wenn man den gesamten Saisonverlauf bisher betrachtet, dann haben wir wohl in zu vielen Situationen die falsche Entscheidung getroffen. Sonst würden wir wohl kaum da unten drin stehen. Der Druck lastet aufgrund der momentanen Situation natürlich sehr stark auf der gesamten Mannschaft.

  Ist der Druck aufgrund der Erwartungshaltung in dieser Saison noch einmal etwas größer, weil zu viele Leute nach dem vergangenen Jahr und dem Klassenerhalt über die Relegation glaubten, in dieser Saison ginge es sportlich etwas aufwärts in der Tabelle? 

Der Druck bei Dynamo Dresden ist in jedem Spiel und in jedem Jahr sehr groß – egal wo wir uns in der Tabelle befinden, weil immer enorm viele Fans im Stadion sind und das ganze Drumherum auch medial größer als bei anderen Vereinen in der Liga ist. Sicher fühlen sich viele Leute getäuscht, weil sie in dieser Saison einfach mehr von uns erwartet haben. Sicher hat da auch die am Ende noch gute Hinrunde in dieser Saison ihren Teil dazu beigetragen, dass die Erwartungshaltung im Umfeld des Vereins gestiegen ist. Die Ansprüche sind in Dresden nun mal gewaltig. Diesem Anspruch konnte die Mannschaft in dieser Saison einfach nicht gerecht werden. Olaf Janßen hat nicht umsonst in der Winterpause noch einmal explizit darauf hingewiesen, dass es eine brutale Restrunde wird, wo es für uns nur um den Klassenerhalt gehen wird, aber das wollten offensichtlich viele nicht glauben.

  Wir sehr geistert bei dir die dritte Relegation in vier Jahren im Hinterkopf herum? 

Natürlich blende ich das nicht vollständig aus und denke hin und wieder darüber nach, wie viele andere Spiele in der Mannschaft auch. Aber auch diesen drittletzten Platz haben wir noch nicht sicher. Mit 31 Punkten steigen wir direkt ab. Wir brauchen also noch Punkte für den Klassenerhalt, egal ob mit oder ohne Relegation. Wir haben noch drei Spiele. Neun Punkte sind noch zu vergeben. Unabhängig davon, sehe ich es so, dass wir als Dynamo Dresden die Relegation als Chance begreifen sollten, wenn wir sie spielen müssen. Denn wir können in 180 Minuten unsere Saison retten, unser Ziel doch noch erreichen und den Klassenerhalt feiern. Dass wir das können, haben wir im vergangenen Jahr als erster Zweitligist unter Beweis gestellt.

  Woher nimmst du die Überzeugung, dass es auch in dieser Saison mit dem Klassenerhalt klappt? 

Weil ich das Auftreten von uns als Mannschaft sehe und weiß, wie viel Potential in uns steckt. Sicherlich hatten wir bis zum Spiel gegen die Münchner Löwen eine lange Durststrecke zu überstehen. Aber in der ganzen Zeit gab es vielleicht zwei oder drei Spiele, wo wir tatsächlich klar unterlegen waren. Die vielen Unentschieden bedeuten doch auch, dass wir als Mannschaft schwer zu besiegen sind. Wenn wir den Plan umsetzen, den uns unser Trainer vorgibt, dann schaffen wir den Klassenerhalt. Darauf vertraue ich.

  Olaf Janßen hat der Mannschaft über Ostern zwei Tage freigegeben. Konntest du in diesen Tagen etwas abschalten und neue Kraft für den Endspurt sammeln? 

Ja, klar konnte ich die Zeit genießen. Das fällt mir im Kreise meiner Familie auch nicht schwer.

  Deine Partnerin Doreen hat vor sechs Wochen euren gemeinsamen Sohn zur Welt gebracht. Wir sehr bestimmt der Nachwuchs seitdem deinen Alltag neben dem Fußballplatz? 

Unser Sohn ist der gemeinsame neue Lebensmittelpunkt von Doreen und mir. Es dreht sich eigentlich alles um den Kleinen. Jeder Tag in den ersten Wochen mit unserem Kind ist spannend. Wenn der Kleine schreit, dann müssen wir uns kümmern und wenn er schläft, dann genießen wir den Moment der Ruhe. Allgemein sind die Nächte kürzer und der Schlaf weniger geworden. (lacht) Aber es ist einfach etwas Großartiges, dem Kleinen dabei zuzuschauen, wie er jeden Tag ein Stück wächst. Die alltäglichen neuen Herausforderungen als Mutter und Vater sind nebensächlich, wenn uns unser Sohn mit seinen großen Kinderaugen anschaut. Das löst ein wunderbares Gefühl bei mir aus und die Strapazen sind vergessen.

  Zwischen Windeln wechseln und Trainingsplatz. Schafft deine neue Rolle als Familienvater auch ein neues Verantwortungsgefühl? 

(lacht) Ja, na klar. Ich sorge jetzt als Vater für eine Familie. Bei mir persönlich ist durch meinen Sohn natürlich ein ganz neues Lebensgefühl entstanden.

  … haben sich dadurch die Prioritäten in deinem Leben verschoben?

Der Alltag neben dem Fußballplatz wird ganz klar von unserem Kind bestimmt. Es sind einfach andere Sachen, die jetzt außerhalb des Fußballs zählen. Wir bekommen das als Familie gut hin. Die Rollen sind bei uns zu Hause tatsächlich im Moment ganz klassisch verteilt, die Frau kümmert sich ums Baby und ich gehe als Familienvater auf Arbeit, um die Brötchen zu verdienen. (lacht) Insgesamt hält mir Doreen aber sehr den Rücken frei und schafft mir den Freiraum, dass ich mich zwischen zwei Trainingseinheiten auch mal rausnehmen kann oder eben nachts durchschlafen kann, in dem sie den Kleinen im Wohnzimmer stillt.

  Dein Vertrag hat sich nach deinem 20. Einsatz in dieser Zweitliga-Saison am vergangenen Spielzag um ein weiteres Jahr bei Dynamo verlängert. Ist das ein beruhigendes Gefühl, dass du über den Sommer hinaus Planungssicherheit hast?

Ich glaube, dass ich auch ohne die 20 Einsätze einen neuen Vertrag bei Dynamo angeboten bekommen hätte � zumindest hoffe ich das. (lacht) Ich freue mich einfach, ein weiteres Jahr das Trikot meines Lieblingsvereins tragen zu können.

  Mal abgesehen, von der einjährigen Vertragsverlängerung, siehst du deine fußballerische Zukunft unabhängig vom Saisonausgang in Dresden? 

Sicher kann ein Vereinswechsel gerade für die Persönlichkeitsentwicklung auch ein guter Schritt sein. Aber mir gefällt es hier einfach viel zu gut. Außerdem möchte ich nicht auf den direkten Bezug zu meiner Familie und meinen engsten Freunden verzichten. Deshalb würde ich sehr gern hier bleiben und am liebsten meine Karriere bei Dynamo Dresden irgendwann beenden, wenn es beide Seiten so wollen. Aber das hat ja noch Zeit. Jetzt konzentrieren wir uns auf den Abstiegskampf.

  Zurück in die Gegenwart: Jetzt kommt zum vorletzten Heimspiel mit dem Karlsruher SC als Aufsteiger eine der großen Überraschungsmannschaften der Saison nach Dresden. Die Badener haben sogar noch Chancen auf den Aufstiegsrelegationsplatz. Wie schwer wird das Spiel gegen den KSC? 

Die Karlsruher verfügen über eine sehr kompakte Mannschaft, die aus einer sicheren Defensive immer wieder versucht, über gefährliche Konterangriffe zum Torerfolg zu kommen. In Hinspiel haben wir es gleich zweimal erlebt, als sie uns nach einfachen Ballverlusten in der Spieleröffnung mit zwei Toren ausgekontert haben. Das darf uns am Sonntag nicht passieren. Mit Koen van der Biezen und Rouwen Hennings haben sie im Moment zwei treffsichere Angreifer in ihren Reihen, die im Moment alles treffen und die wir nicht aus den Augen lassen dürfen. Es wird ein ganz schweres Spiel, da der KSC versuchen wird, die letzte Chance auf den Relegationsplatz zu nutzen. Aber sie werden nicht traurig sein, wenn es am Ende nicht klappt. Denn die Erwartungshaltung in Karlsruher war vor Saisonbeginn ganz sicher eine andere. Vor der Leistung des KSC als Aufsteiger habe ich wirklich großen Respekt.

  Im Hinspiel in Karlsruhe hat die Mannschaft einen schwarzen Tag erwischt. Brennt das Team auf eine Revanche? 

Es ist schon so, dass man als Fußballer eine so deutliche 0:3-Niederlage im Hinspiel nicht vergisst. Das Spiel ist bei mir in ganz schlechter Erinnerung geblieben. Ich hoffe, dass das bei uns noch ein bisschen mehr Aggressivität und Konzentration hervorruft, denn wir brauchen diesen Heimsieg.

Robert, vielen Dank für das Gespräch.